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2. Dezember: It's Krimi-Time

Beitragvon Wichtel » 2. Dezember 2017, 20:37

Das besondere Weihnachtsgeschenk

Lautlose Schneeflocken bahnten sich ihren Weg auf seine tief ins Gesicht gezogene Kapuze, während er auf der Bank saß und angespannt auf das rege Treiben vor dem gegenüberliegendem Juweliergeschäft starrte.

Nur noch ein Mal, ein letztes Mal. Nur noch diese Halskette für sie. Jetzt zu Weihnachten ihr diese Freude machen … Nur noch das eine Mal, nur für sie … Für sie, seine geliebte Partnerin, die nichts von seiner kriminellen Laufbahn ahnte. Sie hatte sich in den charmanten Handlungsreisenden verliebt, der redegewandt und witzig war. Von seinen wirklichen „Geschäften“ wusste sie nichts. Es waren auch keine ganz großen, nein, kleine Diebstähle, manchmal Betrügereien, „Geldumschichtungen“ wie er es nannte, und stets nur von Leuten, die genug hatten. Niemals würde er auf den Gedanken kommen, jemandem, der selbst kaum über die Runden kam, noch was wegzunehmen. Das war so was wie ein „Ehrenkodex“ für ihn. Er nahm nur von den Reichen, aber nicht, weil er es ihnen etwa nicht gönnte, gleichfalls nicht, weil er mit seinem regulären Einkommen nicht auskommen würde, nein, weil es ihm eben im Blut lag – dieser Nervenkitzel, dieses ganz eigene Gefühl … Er hatte sie kennengelernt, als er eben einen MP3–Player in seiner Hosentasche verschwinden ließ und eilends das Kaufhaus verließ. Zu eilends, denn er übersah, dass eine ebenfalls sich eilends bewegende junge Frau zur Eingangstür hereintrat und stieß mit ihr zusammen. Mit I H R …
Nach den ersten dahingestammelten Entschuldigungen sahen sie sich an und gingen auf einen Kaffee, was schließlich in einem gemeinsamen Abendessen mündete. Und während sie sich unterhielten, miteinander lachten und sich auf Anhieb verstanden, während dieser ganzen Zeit brannte der MP3–Player in seiner Hosentasche, brannte, als bestünde er aus Feuer. So was hatte er noch nie erlebt, so was war eine ganz neue Erfahrung für ihn. In diesem Moment beschloss er, es zu lassen, diesmal – versucht hatte er es ja schon öfter – für immer, denn er wusste und fühlte sofort, S I E war die Richtige, so kitschig dies klang. An diesem Heiligen Abend nun, wollte er ihr D I E Frage stellen. Die Ringe dafür hatte er schon gekauft – natürlich gekauft, er war ja ehrlich geworden und wollte sein zukünftiges Leben mit ihr nicht mit einer kriminellen Handlung beginnen. Aber die Halskette, die ihr beim Vorbeigehen einmal aufgefallen war und so gut gefallen hatte, die sollte sein letztes „Gaunerstück“ sein, mit etwas Besonderem wollte er seine kleinkriminelle Laufbahn endgültig beschließen. Denn etwas Besonderes war es, in ein richtiges Juweliergeschäft einzubrechen und nicht nur in einem Kaufhaus, wo sich die Menschen wie Ameisen tummeln, etwas mitgehen zu lassen. Aber das letzte Mal musste es einfach etwas Besonderes sein – für S I E – und gleichzeitig für ihn selbst ein letzter Nervenkitzel als ganz besonderes Weihnachtsgeschenk.

Er hob den Kopf, streckte ein wenig seinen Nacken und atmete tief die würzige Winterluft ein. Es kam ihm vor, als wehe ein Hauch von Bratapfelduft von der belebten Geschäftsstraße herüber und in seiner Fantasie roch er außerdem den Weihnachtsbraten und die von ihr selbstgebackenen Vanillekipferln.
Er wartete, bis der letzte Kunde das Geschäft verließ, abgeschlossen wurde und alle gegangen waren. Dann stand er auf, ging über die Straße, um das Geschäft herum, bis zum Hintereingang. Sah sich kurz um und ging dann ins Haus daneben. Dieses war leer und stand zum Abbruch bereit. Hier hatte früher mal ein Freund von ihm gelebt und daher wusste er, dass vom Keller aus eine Verbindung zum Nebengebäude, in dem seit einigen Jahren eben jenes Juweliergeschäft untergebracht war, bestand. Diese Verbindung war einst natürlich zugemauert worden, aber dadurch, dass dieses Gebäude nun bereits ziemlich desolat war, hatte er einen Schlupfweg gefunden, den er in den letzten Tagen beharrlich „bearbeitet“ und so erweitert hatte, dass er nun ohne weiteres durchkriechen konnte. Und das tat er nun, davor zog er jedoch noch seine dicke Jacke aus, damit er mehr Bewegungsfreiheit hatte. Ein paar Minuten später stand er im Kellerraum des Juweliers, brach die Tür auf, was für ihn keine Schwierigkeit war, ging hinauf in die Nebenräumlichkeiten, fand den Schaltkasten, schaltete die Alarmanlage aus und bearbeitete vorsichtig die Tür zum Geschäftsraum. Alles keine Schwierigkeit für einen „Profi“ wie ihn. Im Geschäftsraum bewegte er sich geduckt hinter den Ladentheken weiter, denn die Weihnachtsdekoration leuchtete hell und von außen konnte durch die großen Auslagenscheiben gut eingesehen werden. Wo die ersehnte Halskette lag, wusste er genau. Rasch ergriff er sie und zögerte kurz. Zu viele tolle Sachen lagen hier herum, aber er widerstand der Versuchung, begab sich auf dem gleichen Weg zurück, den er gekommen war und sah sich in Gedanken bereits das zu Hause noch schön verpackte Geschenk seiner Angebeteten heute Abend nach dem Essen übergeben.

Was er nicht bemerkt hatte, war das Polizeiauto, das vorm Juweliergeschäft angehalten hatte, weil einer der beiden Polizisten sich noch schnell über den Preis eines ausgestellten Armbands vergewissern wollte. Und als sich dessen Blick vom Armband abwandte, fiel dieser auf einen sich bewegenden Haarschopf hinter der Ladentheke. Der Polizist gab seinem Kollegen Bescheid, die Vorderfront im Auge zu behalten, während der Polizeibeamte selbst sich vorsichtig hinter das Gebäude begab.

Und so kam es, dass - als er seine Jacke wieder angezogen hatte, aus dem Abbruchgebäude trat, die frische, kalte Luft tief einsog und sich über die langsam lautlos fallenden dicken Schneeflocken freute, während ihn, in Aussicht auf den Abend, ein tiefes Glücksgefühl erfasste -, plötzlich wie von fern her die Worte „Nehmen Sie langsam die Hände aus den Taschen und halten Sie sie hoch“, an seine Ohren drangen ...
Liebe Grüße
Euer Advents-Wichtel

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